Größer als das Leben

Opulente Bilder für eine zeitlose Geschichte: Regisseur Baz Luhrmann bringt »Der große Gatsby« auf die Leinwand. Leider kommt er seinen Figuren nicht wirklich nah – trotz 3D

Liebe dreidimensional – fehlt da etwa die Tiefe? (Foto: Warner)
Lie­be drei­di­men­sio­nal – fehlt da etwa die Tie­fe? (Foto: Matt Hart/©2013 BAZMARK FILM III PTY LIMITED)

Wie ver­filmt man eine Geschich­te, in deren Mit­te eine rie­si­ge Leer­stel­le klafft? In der es um eine Lie­be geht, die sich in ihrer Beses­sen­heit zuneh­mend ver­selb­stän­digt? Eine Geschich­te, deren Haupt­fi­gur, der geheim­nis­vol­le Mil­lio­när und Par­ty­lö­we Jay Gats­by, über lan­ge Zeit ein schil­lern­der Spie­gel für die Sehn­süch­te und den Neid sei­ner Mit­men­schen bleibt? »Der gro­ße Gats­by« von F. Scott Fitz­ge­rald ist auch fast 90 Jah­re nach sei­nem Erschei­nen noch immer eine der Gre­at Ame­ri­can Novels: nicht, weil das Buch ein Sit­ten­por­trät der 20er Jah­re zeich­net, son­dern wegen sei­ner zeit­los bösen Geschich­te von mensch­li­chen Pro­jek­tio­nen. Sicher­lich ein Grund, war­um sich Regis­seu­re jeder Gene­ra­ti­on dar­an abar­bei­ten: Jay Gats­by und sei­ne uner­reich­ba­re Gelieb­te Dai­sy Buchanan sind Figu­ren wie Lein­wän­de, auf die jeder sei­nen eige­nen Film pro­ji­zie­ren kann. Eine Steil­vor­la­ge fürs Kino.

Dass der aus­tra­li­sche Regis­seur Baz Luhr­mann den Tanz der Bil­der so vir­tu­os beherrscht wie nur weni­ge ande­re, dafür hät­te es nach »Romeo und Julia« (1996) und »Moulin Rouge« (2001) eigent­lich kei­nes Bewei­ses mehr bedurft – er lie­fert ihn trotz­dem, zeit­ge­mäß in 3D. Völ­lig anders als der Empor­kömm­ling Jay Gats­by schämt sich die­se Art von Kino nicht für sei­ne Her­kunft: Luhr­mann knüpft mit moder­nen Mit­teln an die Anfangs­zeit der Beweg­ten Bil­der an, als Fil­me nicht als Hoch­kul­tur gal­ten, son­dern als Rum­mel­platz­at­trak­ti­on. Wer in den 70er Jah­ren Kind war, erin­nert sich viel­leicht auch noch an die Anfän­ge des 3‑D-Kinos, eben­falls in kup­pel­för­mi­gen Zel­ten zwi­schen Rie­sen­rad und Zucker­wat­te­stand: dicht gedräng­te Men­schen­mas­sen mit Rot­grün-Bril­len, die alle gemein­sam das Gleich­ge­wicht ver­lo­ren, wenn der Zug von der Lein­wand schein­bar auf sie zuraste.

Bei Luhr­man bekommt der Raum Dimen­sio­nen, die zur Gigan­to­ma­nie der Gats­by-Geschich­te pas­sen: »Big­ger than life« rasen Schnee­flo­cken in Rich­tung Zuschau­er, stürzt der Blick in die neu ent­ste­hen­den Häu­ser­schluch­ten Man­hat­tans, spie­len schwar­ze Saxo­pho­nis­ten auf roten Feu­er­trep­pen. Iko­no­gra­phi­sche Bil­der, vie­le davon eins zu eins aus dem Roman über­nom­men. Das abbrö­ckeln­de Rie­sen-Wer­be­schild eines Opti­kers in der Nähe einer Koh­len­hal­de, ein gigan­ti­sches Paar Augen hin­ter einer Bril­le, bekommt auf der Lein­wand eine nahe­zu meta­phy­si­sche Dimen­si­on: Als wäre hier ein eben­so all­mäch­ti­ger wie mit­leid­lo­ser Gott anwe­send, unter des­sen lee­rem Blick die Per­so­nen ins Ver­der­ben rasen. Dabei macht die Tie­fe des Rau­mes das Gesche­hen nicht etwa lebens­ech­ter, im Gegen­teil: Wenn Gats­by (Leo­nar­do diCa­prio) Dai­sy (Carey Mul­ligan) nachts im Park zwi­schen uralten Bäu­men trifft, sieht das aus, als beweg­ten sich die bei­den zwi­schen High­tech-Schie­be­ku­lis­sen. Stö­rend? Kein biss­chen: Der­art thea­tra­li­sches Kino braucht kei­nen unnö­ti­gen Realismus.

So passt es auch ins Bild, dass die­se Aus­stat­tungs­or­gie sich läs­sig über peni­ble his­to­ri­sche Kor­rekt­heit hin­weg­setzt: Ob die Desi­gner-Roben der Frau­en­fi­gu­ren wirk­lich ori­gi­nal­ge­treu so ver­ar­bei­tet sind wie in den 20er Jah­ren – who cares? Haupt­sa­che, sie sehen mit ihren strom­li­ni­en­för­mi­gen Häub­chen und Kote­let­ten aus, als wären sie einem Gemäl­de von Tama­ra de Lem­pi­cka ent­sprun­gen. Wie ein Puz­zle­teil passt auch der eklek­ti­zis­ti­sche Sound­track dazu, vom Ori­gi­nal-Jazz der Pro­hi­bi­ti­ons­zeit bis zum zeit­ge­nös­si­schen Retro­sound mit der Stim­me von Lana del Rey.

Damit ist »Der gro­ße Gats­by« auch ein Kom­men­tar zur Pop­kul­tur unse­res Jahr­zehnts: eine Col­la­ge aus Samples, Zita­ten, Remi­xes. Selbst die alt­mo­di­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik im Film scheint auf DSL-Geschwin­dig­keit zu lau­fen: Der­art häu­fig wird der Titel­held an den alt­mo­di­schen Fern­sprech­ap­pa­rat geru­fen, als bekä­me er lau­fend Push-Nach­rich­ten vom Smartphone.

Ach ja: Die Bil­der, der Ton, das Tem­po – es könn­te alles so schön sein. Wenn da nicht zwei Klei­nig­kei­ten wären: die Men­schen. Die Geschich­te. Denn wie schon in sei­nen frü­he­ren Fil­men reicht es Baz Luhr­mann ja nicht, ein Feu­er­werk abzu­bren­nen – es soll auf der gro­ßen Lein­wand auch um gro­ße Gefüh­le gehen. Und genau da beginnt das Pro­blem: Wo so ein Höchst­maß an Künst­lich­keit, an Ober­flä­che, an Show herrscht, da nimmt man es den Figu­ren schwer ab, dass sie nicht nur einen begeh­ba­ren Klei­der­schrank und einen Fuhr­park haben. Son­dern auch ein Herz. Des­halb wir­ken die emo­tio­na­len Sze­nen immer ein wenig so, als wür­de ein Top-Desi­gner im Vogue-Inter­view plötz­lich über sei­ne schwie­ri­ge Kind­heit spre­chen: selt­sam deplat­ziert, bei­na­he zum Fremdschämen.

An den Schau­spie­lern liegt das nicht: Der ewi­ge Tita­nic-Pos­ter­boy Leo­nar­do di Caprio spielt den ver­lieb­ten Mil­lio­när Gats­by mit Wär­me und Ver­ve, Joel Edger­ton gibt Dai­sys Ehe­mann ein herr­lich schmie­ri­ges Gesicht, Tobey Magui­res jun­gen­haf­tes Auf­tre­ten passt bes­tens zum schüch­ter­nen Erzäh­ler Nick Car­ra­way, und Carey Mul­ligan – nun ja: Eine hoh­le Nuss zu spie­len, das ist eine ganz eige­ne Leistung.

Trotz­dem: Wenn sich in der zwei­ten Hälf­te des Films das Dra­ma zuspitzt – die ver­wöhn­te Dai­sy denkt über­haupt nicht dar­an, ihren wohl­ha­ben­den Mann für ihre Jugend­lie­be Gats­by zu ver­las­sen –, dann ist man schon so auf Tem­po, Action, Kra­wall gebürs­tet, dass man dem Kam­mer­spiel eher unbe­tei­ligt folgt.

Auf der Lein­wand wird foto­gen geheult, im Saal blei­ben alle Augen tro­cken. Ernst ist das Leben, hei­ter die Kunst, Über­schnei­dun­gen sel­ten. Anrüh­rend sind allen­falls jene Lie­bes­er­klä­run­gen, die nach Zalan­do-Wer­be­spot klin­gen und nicht nach Shake­speare. Wenn Dai­sy Jay Gats­by für sei­nen schö­nen Hem­den lobt und für sei­ne Ele­ganz – dann ist sie in ihrer Ober­fläch­lich­keit ganz bei sich.

Aber viel­leicht ist die­se Art von lebens­na­her Lie­bes­ge­schich­te auch ein­fach unver­film­bar: Wie bringt man eine Per­son auf die Lein­wand, die in der eige­nen Erin­ne­rung und Phan­ta­sie zu einem Bild reins­ter Lie­be gewor­den ist, wäh­rend sie in Wirk­lich­keit bloß deko­ra­tiv im Pra­da-Fum­mel her­um­steht? Am ehes­ten spür­bar wird die­se roman­tisch über­höh­te Sehn­sucht in den Momen­ten, in denen Dai­sy gar nicht im Bild ist. In denen Gats­by über die Bucht hin­über­blickt zum grü­nen Posi­ti­ons­licht auf Dai­sys und Toms Boots­steg. Der Rest ist: Lärm, Zir­kus, Feu­er­werk und jede Men­ge coo­le Kla­mot­ten. Immer­hin: nicht die schlech­tes­ten Vor­aus­set­zun­gen für einen unter­halt­sa­men Abend.

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