Kultur und Spiritualität

Der Hamburger Musiker Michy Reincke über die Musik, die Industrie und über Spiritualität – ein Interview

Michy Reincke
»Manchmal schaue ich dabei zu, wie die Zukunft jeden Tag neu erfunden wird … (Foto: kms/hhf)

Michy Rein­cke, einer der rüh­rigs­ten Pop-Musi­ker und Musik­pro­du­zen­ten in Ham­burg, hat ein neu­es Album ver­öf­fent­lich. Schaut man auf das Cover von »Sie haben den Fal­schen« [ama­zon Part­ner­link], sieht man den Künst­ler mit tief ins Gesicht gezo­ge­nem Cow­boy­hut, vor ver­trock­ne­tem Bäu­men und in typi­scher Wes­tern­po­se. Wir tra­fen ihn im ent­spre­chen­den Ambi­en­te, im Ham­bur­ger Muse­um für Völ­ker­kun­de, inmit­ten india­ni­scher Tipis, ame­ri­ka­ni­scher Stra­ßen­kreu­zer und bestick­ter Leder­ge­wän­der. Ein län­ge­res Gespräch mit einem Mann, der sich offen­bar Gedan­ken macht über die Welt und über sei­ne Musik.

Pop, Camp, Radiomusik

HHF: Michy Rein­cke, du machst »deutsch­spra­chi­ge Pop­mu­sik für Erwach­se­ne«, so in etwa steht es in den Pres­se­tex­ten für dein neu­es Album. Was ist dein Begriff von Pop, was bedeu­tet es, dass du Pop-Musik machst?

Michy Rein­cke: Da ist, ehr­lich gesagt, gar nicht mei­ne Schub­la­de. Das ist das, was all­ge­mein wahr­schein­lich für vie­le Arten von zeit­ge­nös­si­scher Musik gilt, das sie eben popu­lär sind. Und die einen sind, wenn man nach der eng­li­schen Wort­de­fi­ni­ti­on sieht, belieb­ter als ande­re und ande­re halt etwas weni­ger popu­lär. Ich tu mich prin­zi­pi­ell schwer mit Schub­la­den, aber es ist so, dass ich gro­ßen Wert auf mei­ne inhalt­li­che Arbeit lege.

Als ich anfing, mich für popu­lä­re Musik zu inter­es­sie­ren, war es nichts unge­wöhn­li­ches, dass die Inhal­te einen gro­ßen Stel­len­wert hat­ten. In den 60er und 70er Jah­ren hat­ten vor allem die Tex­te eine sehr gro­ße Rele­vanz in der soge­nann­ten popu­lä­ren Musik, das haben sie heut­zu­ta­ge in die­sem Maße nicht mehr. Es ist halt über­deut­lich, dass in den Medi­en – in den pri­vat­wirt­schaft­li­chen Medi­en sowie­so, da ist das für mich auch kei­ne gro­ße Über­ra­schung – dass es dort auf Musik zurück­ge­grif­fen wird, die eher schlich­te­re Inhal­te hat, die im bes­ten Fall der Pose dient und des Reklameverkaufs.

Beim soge­nann­ten öffent­lich-recht­li­chen Medi­um Radio/​Fernsehen, das ja prin­zi­pi­ell gemein­schafts­ei­gen ist, mache ich mir dazu schon mehr Gedan­ken, was dahin­ter steht, dass man da etwas inhalts­in­ter­es­san­te­re Pop­mu­sik zu unter­brei­ten nicht wirk­lich bereit ist. Es geht in ers­ter Linie auch bei den gemein­schafts­ei­ge­nen For­ma­ten, wo Wer­bung ver­kauft wird, um die glei­che Pro­gram­ma­tik wie bei den pri­vat­wirt­schaft­li­chen Anbie­tern. Auch auf die­sen Wel­len geht es um eine Quo­ten­be­frie­di­gung, die für mich nicht mehr nach­voll­zieh­bar ist.

HHF: Schau­en wir in der popu­lä­ren Musik tat­säch­lich auf die Inhal­te oder auch auf die Trieb­fe­der des­sen, was wir als Pop bezeich­nen? Es gibt ein Zitat von der Camp-Queen Kylie Mino­gue, sie hat gesagt, die Trieb­kraft des Pop sei Eska­pis­mus, also etwas, was den Schein her­stellt. Es geht nicht um Lösun­gen dabei. Kannst du das nach­voll­zie­hen und auch mit dem Begriff Eska­pis­mus etwas anfangen?

Michy Rein­cke: Abso­lut. Prin­zi­pi­ell kann ich auch mit dem Begriff Eska­pis­mus in der Kul­tur was anfan­gen. Das ist aber nur eine Sicht­wei­se und eine Art zu den­ken. Ich glau­be, dass popu­lä­re Musik ein ver­stärk­tes Augen­merk auf Unter­hal­tung und Pose legt, sowie­so. Aber, so wie ich Pop­mu­sik ken­nen­ge­lernt habe, hat sie auch immer einen inhalt­li­chen Nut­zen gehabt. Einen Nut­zen, wie ich Kul­tur seit der Auf­klä­rung ver­stan­den weiß, näm­lich, dass es einen geis­ti­gen, einen see­li­schen und für mich auch dar­über hin­aus einen spi­ri­tu­el­len Nut­zen gibt, der in einem Kunst­werk vor­han­den ist.

Nun ist nicht jede Form von popu­lä­rer Musik ein Kunst­werk, aber in den meis­ten Fäl­len wird es von Künst­lern her­ge­stellt. Und wenn jetzt jemand behaup­tet, Bob Dylan ist jemand, der sich sehr mit der inhalt­li­chen Sei­te der popu­lä­ren Musik aus­ein­an­der­ge­setzt und da sehr viel bewegt hat, dann ist das sicher so. Da ist dann aber auch nicht jeder Song eine poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung oder eine Kri­tik an der Gesell­schaft, son­dern da geht es auch manch­mal um Sachen, wie »kannst du nähen, kannst du kochen«.

HHF: Das Zitat von Kylie Mino­gue geht übri­gens noch wei­ter, sie sagt, die Kunst bestehe dar­in, die­se Illu­sio­nen, die erzeugt wer­den, in Wahr­heit zu ver­zau­bern. Dar­in steckt eine Art Geni­us­be­griff, das heißt, die Leu­te wer­den durch den Künst­ler im Moment gepackt. Das Momen­tum ist ver­mut­lich auch ein wesent­li­cher Bestand­teil des­sen, im Gegen­satz zu soge­nann­ter erns­ter Musik?

Michy Rein­cke: Men­schen haben sich einst in Höh­len zusam­men­ge­fun­den und auf Kno­chen­flö­ten gespielt. Ande­re haben irgend­wel­che Bisons an die Decke gemalt. Sie haben ein Feu­er gemacht, wahr­schein­lich getanzt und haben ein Ritu­al für sich gemacht. Letzt­end­lich ist Kul­tur ein Spie­gel in dem das Wesen Mensch sich erken­nen kann und wo er sich kor­re­spon­die­rend mit die­sem Ritu­al in der Welt ver­or­tet, defi­niert, differenziert.

Väter und Vorbilder: Dylan, Bowie, Prince

HHF: Bob Dylan, ist das ein Über­va­ter, ein gro­ßes Vor­bild, ene Grund­idee, die in dei­nem Werk eine Rol­le spielt?

Michy Rein­cke: Als ich anfing, mich mit Dylan zu beschäf­ti­gen war ich irgend­was zwi­schen 12 und 13, und der Initia­ti­ons­song war (lacht) »Blo­win in the Wind«, der ganz bestimmt nicht zu den stärks­ten Dylan-Songs zählt. Aber ich fand das halt mit mei­nen Mög­lich­kei­ten als 13/14-Jäh­ri­ger – ein Song aus Fra­gen, wie ist das denn, wohin fliegt denn die Kano­nen­ku­gel und so (lacht) – eine inter­es­san­te Form der Aus­ein­an­der­set­zung. Das reg­te mich an, ein­mal reg­te mich der coo­le Typ an. Ich wür­de gar nicht sagen, dass es ein Vater ist, son­dern die Zieh­mut­ter, das ist für mich mei­ne Amme, mei­ne ers­te Begeg­nung mit popu­lä­rer Kultur.

HHF: Ist das heu­te noch so? Bist du ein »Dylan­head« und gehst auf Konzerte?

Michy Rein­cke: Ich bin aus­ge­stie­gen nach einem Kon­zert, da war ich 18, das war das ers­te Dylan-Kon­zert in der Dort­mun­der West­fa­len-Hal­le. Es gab ein Album, das hieß »Street Legal«, das war das Album vor »Slow Train Coming« und da hat er sich sehr mit sei­ner spi­ri­tu­el­len Her­kunft und mit dem Chris­ten­tum beschäf­tigt, da bin ich als 18-jäh­ri­ger ausgestiegen.

Er ver­ab­schie­de­te sich beim Kon­zert, wir rie­fen »Zuga­be, Zuga­be« und ich ver­brann­te mir an einem Ein­weg­feu­er­zeug mei­nen rech­ten Dau­men. Dylan kam auf die Büh­ne und ver­ab­schie­de­te sich in alle Rich­tun­gen mit dem Hit­ler­gruß. Das ist halt jüdi­scher Humor in den spä­ten 70er Jah­ren gewe­sen (lacht). Er wur­de von dem Impre­sa­rio Fritz Rau dann dazu ver­don­nert, im Jahr dar­auf auf dem Reichs­par­tei­tags­ge­län­de in Nürn­berg auf­zu­tre­ten, weil er das getan hat­te. Ich weiß nicht, ob er bekifft oder sonst irgend­wie drauf war, aber ich emp­fand das als wirk­lich glü­hen­den Lieb­ha­ber sei­ner Musik als Ohrfeige.

HHF: Man hört auf dem aktu­el­len Album eine gro­ße Stil­viel­falt, es gibt die­ses klei­ne Prin­ce-Zitat, ist das ein Spiel mit ein­zel­nen Sti­len oder ist das eine Aus­ein­an­der­set­zung mit den jewei­li­gen Vorbildern?

Michy Rein­cke: Popu­lä­re Musik ist natür­lich im wei­tes­ten Sin­ne eine stän­di­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit dem, was schon da ist. Ich glau­be, der Satz stammt von Paul McCart­ney, aus den 60ern: »Wir schrei­ben alle an einem gro­ßen Song«. Das kann man ja auch über die Musi­ker­schaft hin­aus­se­hen, dass die gan­ze Mensch­heit an einem gro­ßen Lied mit­schreibt und dass sie auch eigent­lich bestimmt, in was für einer Gesell­schafts­form und mit wel­chen Hal­tun­gen sie leben will.

Mei­ne gro­ßen Vor­bil­der, die Men­schen, die mich inter­es­siert haben und mit denen ich mich viel beschäf­tigt habe, sind tat­säch­lich Dylan, Bowie und Prin­ce. Das sind Sachen, die mir sehr nah sind. Trotz­dem bevor­zu­ge ich eine Art des for­ma­len Aus­drucks, so wie er mir begeg­net. Das ist eine sehr ein­fa­che Form von Rückung in den meis­ten Fäl­len, der ich ver­su­che etwas abzu­ge­win­nen, da bin ich eher dylan­esk. Ich wan­de­re for­mal nicht durch die Ton­ar­ten, das ist dann eher selten.

Dann gibt es trotz­dem so Sachen, auf dem neu­en Album gibt es ein Lied »Hin­ter mei­nen Augen scheint die Son­ne«. Das sind zwei Har­mo­nien, das ist sehr »prin­cesk«. Da ver­sucht man wirk­lich den Beat lau­fen zu las­sen und ein paar Bil­der zu erzeu­gen und Lini­en zu kre­ieren. Das Lied besteht aus zwei Har­mo­nien, und dar­über baut sich halt was auf.

Ist es eine Hom­mage, ist es ein Zitat? Mir gefällt das in dem Moment. Das hat ja viel damit zu tun, was mir Freu­de berei­tet. Ich gehe nicht durch ein Muse­um und kle­be Zah­len von 1–10, Hit­pa­ra­den­plät­ze ver­tei­lend, an die Bil­der, son­dern ich las­se den gesam­ten Besuch auf mich wir­ken. So ist es auch der Besuch in der popu­lä­ren Musik, ich guck mir an, was gefällt mir, oder was haben ande­re da gemacht. Dann den­ke ich, das gefällt mir, das wür­de ich gern mal aus­pro­bie­ren, nur auf einer oder zwei Har­mo­nien ein Lied zu schreiben.

Geschichten

HHF: Das hat durch­aus was Spie­le­ri­sches in sei­ner Kom­bi­na­ti­on von Ele­men­ten. Könn­test du dir auch vor­stel­len, in ande­ren Gen­res, mit freie­ren For­men, etwas zu machen, z. B. mit den Leu­ten aus der sehr umtrie­bi­gen Ham­bur­ger Jazz­sze­ne? Du hast mit den Box­horns, die auf dei­nem Album spie­len, da ja schon ein Signal gesetzt, Mat Cla­sen ist ein guter Jazz­sa­xo­pho­nist. Kann das noch weitergehen?

Michy Rein­cke: Natür­lich könn­te das wei­ter­ge­hen. Eine künst­le­ri­sche Ent­wick­lung, wie ich sie auch für mich ver­ste­he, hat natür­lich immer etwas mit der Ent­wick­lung der Form zu tun. Die Tat­sa­che, die man sich bei so einer Fra­ge bewusst machen muss: Ich betreib das nicht als Hob­by oder bin Pri­va­tier oder der Sohn rei­cher Eltern, son­dern das ist mein Beruf. Ich muss es irgend­wie hin­be­kom­men, dass mir eine bestimm­te Anzahl von Men­schen soweit folgt, dass ich davon leben kann. Sonst kann ich mir die dolls­ten Sachen aus­den­ken, sie sind für mich dann nicht herstellbar.

Daher ist also mein Haupt­au­gen­merk, wie ich Geschich­ten erzäh­le. Da ist das aktu­el­le Album, das Abschluss einer Tri­lo­gie ist, wo ich Geschich­ten erzählt habe, wie sie sonst, in der deutsch­spra­chi­gen Pop­mu­sik sehr sel­ten in die­ser Qua­li­tät erzählt werden.

HHF: Wür­dest du da eher eine Nähe zum Chan­son sehen, wo dem »Sto­rytel­ling« eine wich­ti­ge Bedeu­tung zukommt?

Michy Rein­cke: Es wer­den ja Geschich­ten erzählt. Die Rol­le des Geschich­ten­er­zäh­lers, des­je­ni­gen, der am Lager­feu­er sitzt und sei­ne Geschich­ten erzählt, ist schon mei­ne. Da ist es eini­ger­ma­ßen Wurst, ob der mit dem Muset­te-Akkor­de­on, mit einer elek­tri­schen Gitar­re oder mit einem vor sich hin wabern­den Syn­the­si­zer sei­ne Geschich­ten erzählt. Wenn man es hin­be­kommt, eine Kli­en­tel an Men­schen um sich zu ver­sam­meln, die die­sen Geschich­ten zuhö­ren, dann ist das von Vor­teil, wenn man das als Beruf betrachtet.

Ich bin sicher ein Freund von Jac­ques Brel, ich hab mich zwei Jah­re lang mit Edith Piaf beschäf­tigt und auch mit der Musik ihrer Lieb­ha­ber, das sind mir alles Begrif­fe. Im deut­schen ist das dann Klaus Hoff­mann, der das eher macht. Ich seh mich eher in der erwach­se­nen deutsch­spra­chi­gen Pop­mu­sik zuhau­se. Ich glau­be, ich bin eine ech­te Alter­na­ti­ve zu den soge­nann­ten Epi­go­nen (lacht) der deutsch­spra­chi­gen Pop­mu­sik, die auch alle ihre Berech­ti­gungs­kar­te abge­stem­pelt haben.

Ich den­ke aller­dings, dass es in Deutsch­land die­se gro­ße Ver­wech­se­lung gibt, wie man Qua­li­tät defi­nie­ren kann. Und da es seit 1993 auch im öffent­lich-recht­li­chen Radio­sys­tem das soge­nann­te »for­ma­tier­te« Radio gibt, sieht es eher düs­ter aus. Qua­li­tät wird da aus­schließ­lich über Quan­ti­tä­ten defi­niert und über Popu­la­ri­tä­ten. Das ist, wie wir alle wis­sen, mani­pu­lier­bar. Der Geschmack und eine Mode unter­liegt immer der äuße­ren Mani­pu­la­ti­on. Da ich unab­hän­gig arbei­te, und ein klei­nes unab­hän­gi­ges Label habe, ist das für uns immer schwie­rig, sich da Gehör zu ver­schaf­fen. Wir sind dank­bar für jede Form der Unter­stüt­zung. Es ist halt »erwach­se­ne« Popmusik.

Kulturindustrie

HHF: Du för­derst vie­le jun­ge Künst­ler, Anna Depen­busch, Mia Die­kow und vie­le ande­re, was ja doch noch ein biss­chen an das Chan­son­the­ma anschließt, Anna Depen­busch, die ja auch mit exzel­len­ten Tex­ten arbei­tet und ja auch ihren Weg gemacht hat. Gibt es da Ver­wandt­schaf­ten? Gibt es Rückkoppelungseffekte?

Michy Rein­cke: Ver­wandt­schaf­ten gibt es ganz bestimmt. Wir haben ja mit sowohl mit der Lau­sch­lounge als auch mit dem Label Rin­tin­tin ver­sucht, das Ange­bot zu erwei­tern. Das ist in der Form, wie es eigent­lich wün­schens­wert gewe­sen wäre für eine funk­tio­nie­ren­de kul­tu­rel­le Gemein­schaft, nicht pas­siert und auch abge­blockt wor­den ist. Da klingt jetzt so ein biss­chen nach Bit­ter­nis und da ist auch eine gehö­ri­ge Por­ti­on Wut dabei.

Es ist ja mei­ne frei­en Berufs­wahl gewe­sen, das ist alles, wofür ich bren­ne und wofür ich mich enga­gie­re, das ist mei­ne freie Ent­schei­dung. Wir haben 2005 mit Anna Depen­busch ein Rie­sen­al­bum mit »Ins Gesicht« ver­öf­fent­licht. Wir haben sehr gro­ße Schwie­rig­kei­ten gehabt, das an die Leu­te zu brin­gen. Letzt­end­lich hat ja auch die Zeit gezeigt, dass es unheim­lich vie­le Men­schen gab, die sich dann auch für das ers­te Album inter­es­siert haben. Ich habe fünf Jah­re beim den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­an­stal­ten gewor­ben für die­se groß­ar­ti­ge Künst­le­rin, und es blie­ben wirk­lich alle Türen verschlossen.

Es ist tat­säch­lich so, in dem Moment, wo sie bei der Indus­trie ver­öf­fent­licht, gehen all die­se Türen auf. Es ist dann ein gro­ßer Erfolg und für mich auch abso­lut ver­ständ­lich und gegönnt und mit Freu­den emp­fun­den, nach­voll­zieh­bar ver­gönnt gewe­sen. Aber für uns, als die­je­ni­gen, die das unter­stüt­zen, über fünf Jah­re, das sind die Gel­der, die ich auf mei­nen Kon­zer­ten ver­dient habe, die ich in die­se Pro­duk­ti­on gesteckt habe und mich dann mit die­sen merk­wür­di­gen For­men des öffent­lich-recht­li­chen Sys­tems aus­ein­an­der­zu­set­zen, das hat mich, gelin­de gesagt, frustriert.

HHF: Wor­an mag das gele­gen haben?

Michy Rein­cke: Das ist ein Punkt, glau­be ich, dass die Men­schen im Kopf nicht frei sind. Das ande­re ist tat­säch­lich, dass sich die meis­ten in den ent­schei­den­den Posi­tio­nen dar­auf fest­ge­legt haben, wenn das kei­ne Quan­ti­tät hat, dann kann das auch nichts sein. Das ist ja jetzt nicht so, dass alle alter­na­ti­ven und unab­hän­gi­gen Labels Krach­mu­sik mit ver­zerr­ten Gitar­ren machen, wo man die Haus­frau­en nicht erschre­cken darf, son­dern es gibt sehr wohl sehr vie­le Anbie­ter die halt auch main­strea­mi­ge Musik machen.

Mir wur­de z. B. noch 1996 wort­wört­lich gesagt: »Michy, du kennst doch unser For­mat, das kann doch für dich nicht so schwie­rig sein, etwas in der Art her­zu­stel­len«. Wenn man dann »Musik­dienst­leis­ter« ist, dann ist man bei sol­chen Herr­schaf­ten gut auf­ge­ho­ben, wenn man das nicht möch­te, hat man eben kei­ne Chance.

HHF: Ist das heu­te noch so?

Michy Rein­cke: Das ist heu­te mehr denn je so.

HHF: Wird das aktu­el­le Album denn gespielt?

Michy Rein­cke: Nein.

Formate

HHF: Das heißt auch, dass »for­ma­tier­ba­re« deutsch­spra­chi­ge Sän­ger eher durch­ge­scho­ben wer­den als sol­che, die nicht ganz dem for­ma­tier­ten Sound entsprechen?

Michy Rein­cke: Das hat, glau­be ich, nichts mit dem for­ma­tier­ten Sound zu tun, ich glau­be, dass mei­ne Lie­der wenigs­tens die for­ma­le Klas­se eines Oer­ding-Songs auch hal­ten kön­nen. Es geht dar­um, dass das Indus­trie ist und die Indus­trie drückt und die Indus­trie macht sich breit.

Es ist so, man kommt sich beim Hören die­ser Sen­der wahl­wei­se so vor, als soll­te man jemand sein, der auf einem 80er Jah­re Mär­chen­film hän­gen­ge­blie­ben ist oder jemand, der 13 oder 14 Jah­re ist, dann gibt es dann Jor­is und Mark Fors­ter und so wei­ter, das sind jun­ge Musi­ker, die bei der Indus­trie sind. Da soll auch alles sein und ich möch­te das auch nicht despek­tier­lich behan­deln, das ist Musik für jun­ge Leute.

Ich glau­be nur nicht dar­an, dass eine Gesell­schaft, die sich seit mitt­ler­wei­le zwei Jahr­zehn­ten kul­tu­rell selbst für die­se for­ma­tier­ten Radio­sen­dun­gen des gemein­schafts­ei­ge­nen Sen­de­sys­tems so dege­ne­riert, dass die in der Lage ist, gesell­schaft­li­che Ver­wer­fun­gen in irgend einer Wei­se aus­zu­hal­ten und sich da zu ori­en­tie­ren. Wenn man einer Gesell­schaft sagt, dass kul­tu­rel­le Non­plus­ul­tra, was wir euch anzu­bie­ten haben, ist in die­sen Ver­kaufs­lis­ten ent­hal­ten. Das »Bes­te von Heu­te« wird nach Ver­kaufs­lis­ten ermittelt.

Als ich 13, 14 war, hab ich Hit­pa­ra­de super gefun­den, das hab ich mit­ge­schnit­ten auf dem Tape­re­cor­der. Mit 15, 16, 17 kommst du zu ande­ren Ergeb­nis­sen, was dir gefällt und was du für gute Musik hältst. Das ist nicht so, dass Hit­pa­ra­de kom­plett aus­ge­blen­det ist, aber es hat nie­mals mehr in mei­nem wei­te­ren Leben eine wirk­li­che Rele­vanz gehabt. Wenn eine Gesell­schaft sich also dazu auf­for­dert, nach Hit­pa­ra­den zu funk­tio­nie­ren, dann hat sie für mich in ihrer sozia­len Kom­pe­tenz und in ihrer geis­ti­gen Trag­fä­hig­keit auch nur das For­mat eines 13-jährigen.

HHF: Das geht ja ein­her mit der Sehn­sucht nach Ran­kings, die 10 bes­ten Tipps usw. Wenn wir gesell­schaft­lich wei­ter den­ken, ist die­se Sehn­sucht nach Tei­len der Ver­ord­nung nicht immer auch eine Form von Angst­äu­ße­rung, einer Sehn­sucht nach Sicherheit?

Michy Rein­cke: Abso­lut. Hilf­lo­sig­keit, der Traum nach ver­meint­li­cher Sicherheit.

Amerika und die Heimat

HHF: Da kann man auch die Schlei­fe zur Musik zie­hen, die das ja auch bie­ten kann. Ist die Wes­t­ern­äs­the­tik im Art­work gewollt? Man sieht dich als Cow­boy, den »Lone­so­me Rider«, die­se Asso­zia­ti­ons­bil­der zie­hen sich durch, ein Teil des ame­ri­ka­ni­schen Traums ist damit ver­bun­den, Begrif­fe wie Frei­heit, Indi­vi­dua­li­tät spie­len da eine Rol­le. Inwie­weit ist das das The­ma des Albums?

Michy Rein­cke: Das ist nicht beab­sich­tigt, es ist gera­de kon­trär. Die Wor­te Frei­heit und Indi­vi­dua­li­tät habe ich, glau­be ich, in mei­ner gan­zen Text­ar­beit noch nie benutzt. Ich sprech schon mal von »frei sein« oder von »frei«. Die­se Idee, wie sie der ame­ri­ka­ni­sche Traum vor­gau­kelt, da kann ich über­haupt nichts mit anfangen.

Die gestal­te­ri­sche Umset­zung die­ses Albums, wie auch der Alben davor, die wie gesagt die­se Tri­lo­gie bil­den, zeich­net sich erst­mal dadurch aus, dass es auf der Vor­der­sei­te der Cover weder einen Namen noch einen Titel gibt. Das ist eine Ver­wei­ge­rung, sich zur Mar­ke zu stilisieren.

HHF: Ich glau­be, das wie­der­zu­er­ken­nen, wenn du sagst, sol­che Begrif­fe tau­chen nicht auf. Aber wenn man sich so etwas anhört wie das titel­ge­ben­de Stück »Du hier so«, das fängt tat­säch­lich mit etwas Kapi­ta­lis­mus­kri­tik an – For­mu­lie­run­gen wie »Matrix des Mark­tes« kom­men da vor. Das ist sicher ein Gegen­mo­dell zu die­sem gera­de wie­der aktu­el­len »Gre­at America«-Gedanken – aber es gibt durch­aus eine Visi­on von Fremd­be­stimmt­heit dar­in, die ja auch in ande­ren Tex­ten wie­der auftaucht.

Michy Rein­cke: Das ist es. Da gebe ich abso­lut Recht. Das Sich-falsch-Füh­len in der eige­nen Exis­tenz, sich als Frem­der zu füh­len, da, wo man eigent­lich zu Hau­se sein und sei­ne Hei­mat haben soll­te. Das ist mir in mei­ner Lebens­zeit, und ich weiß nicht, ob ich da auf­merk­sa­mer bin als ande­re, oder ob mir ein­fach nur ande­re Sachen pas­siert sind als ande­ren Men­schen, aber die­sen Begriff von »hier bin ich zu Hau­se, das ist mei­ne Hei­mat und das sind die Men­schen, für die ich kämp­fe und ein­tre­te«, das hat sich wirk­lich immer mehr verkleinert.

Ich emp­fin­de mich mit Beginn mei­nes Lebens, puber­tär und auch in mei­ner jugend­li­chen Ent­wick­lung bis Ende 20, über­haupt nicht als Außen­sei­ter. Mitt­ler­wei­le sehe ich mich schon als Außen­sei­ter, der ent­we­der auf dem Ufo sitzt, sich kniend vor einer abwärts füh­ren­den Trep­pe von hin­ten ablich­ten lässt oder eben mit dem tief ins Gesicht gezo­ge­nen Hut, als ein Cow­boy-Außen­sei­ter. Da ist das schon so.

Es hat für mich weni­ger mit einem Aspekt von Frei­heit und Indi­vi­dua­li­tät zu tun, son­dern es ist die tat­säch­li­che Unab­hän­gig­keit in den Gedan­ken. Ich möch­te mich nicht mehr ver­gif­ten und mani­pu­lie­ren las­sen durch die Gedan­ken, die mich durch ein media­les Sys­tem in ers­ter Linie zu einem Kon­su­men­ten bzw. zu einer poli­ti­schen Mario­net­te degra­die­ren. Da hal­te ich dagegen.

HHF: Also ein ganz frei­heit­li­cher, libe­ra­ler Gedan­ke – beim Begriff Hei­mat, den du eben ver­wen­det hast, was ist die per­sön­li­che Hei­mat für dich?

Michy Rein­cke: Das ist das enge­re Umfeld, das ist die Lie­be, die ich zu den Men­schen emp­fin­de, mit denen ich mich ger­ne ver­ab­re­de, die ich ger­ne sehe. Das ist Hei­mat. Ich bin auf­ge­wach­sen bei mei­ner Groß­mutter in Ahrens­burg, 20 km nord­öst­lich von Ham­burg, mein Vater ist zur See gefah­ren, mei­ne Mut­ter hat beim Zahn­arzt in Ham­burg gear­bei­tet, die habe ich nur am Wochen­en­de gese­hen. Da wo mei­ne Groß­mutter gelebt hat, den Ort gibt es noch, aber der sieht nicht mehr so aus. Das war am Ende einer Sack­gas­se, da war ein gan­zer Bir­ken­hain, da ste­hen jetzt irgend­wel­che Häu­ser. Es ist schwer zurück­zu­kom­men in die­sen Teil der Heimat.

Ich hab ver­sucht, das zu beschrei­ben in einem Lied auf dem Album, »Die Frau, in der die Welt ver­schwand«. Es ist so, dass man zu unter­schied­li­chen Zei­ten in sei­nem Leben mit Men­schen, mit denen man eng zusam­men ist, mit sei­nen Freun­den oder mit den Liebs­ten, mit denen man sich umgibt, ganz bestimm­te Ritua­le hat, bestimm­te Wege gemein­sam geht, sich zum Bow­len ver­ab­re­det oder sich frei­tags immer dann und dann in der Knei­pe trifft oder immer gern in »das« Restau­rant essen geht.

Aber wenn die­se Men­schen nicht mehr da sind, oder wenn sie sich aus dem eige­nen Leben ver­ab­schie­den, ob es Freun­de sind oder ob es die Frau­en sind oder die Lebens­part­ner, dann ver­schwin­det mit die­sen Men­schen tat­säch­lich auch all das. Man geht dann noch­mal Jah­re spä­ter in die­ses eine Restau­rant, da arbei­ten dann aber auch nicht mehr die­sel­ben Leu­te, es ist anders. Es ist so, als wür­de man den­ken, Mensch, die­se Mathe­ma­tik­ar­beit wür­de ich ger­ne noch mal schrei­ben, jetzt weiß ich, wie es geht (lacht), man kommt in die Schu­le, und die Leu­te sind nicht mehr da, um die es sich eigent­lich dreht. Von daher ist für mich Hei­mat nie­mals ein Ort, son­dern es ist das eige­ne Bewusstsein.

HHF: Zwi­schen den Tex­ten im CD-Bei­heft gibt es eine gan­ze Rei­he ein­ge­klink­ter Zita­te. Eines davon, auf einer Dop­pel­sei­te zum Song »Noah«, ist ein Pes­soa-Zitat, da geht es um die Destruk­ti­vi­tät der mensch­li­chen Zivi­li­sa­ti­on, das klingt nach einer gewis­sen Resi­gniert­heit. Die zivi­li­sa­to­ri­sche Gesell­schaft ist etwas, das eher zer­stö­re­risch ist, eine destruk­ti­ve Kraft – ist es das, wor­aus das Werk schöpft?

Michy Rein­cke: (kur­ze Gedan­ken­pau­se) Ich glau­be, es ist unstrit­tig, wenn man sich auf das gan­ze dün­ne Eis der Begriff­lich­kei­ten begibt, dass es Gut und Böse gibt, so schlicht das in irgend­wel­chen Reli­gi­ons­phi­lo­so­phien dar­ge­stellt sein mag, es gibt Gut und es gibt Böse. Die größ­ten Unge­rech­tig­kei­ten der Welt wer­den nicht von Säbel­zahn­ti­gern oder von gro­ßen Bären am Men­schen ver­übt, son­dern von ande­ren Menschen.

Das heißt, es gibt eine gro­ße Unge­rech­tig­keit, die meis­tens von Angst und Gier von Wesen ver­an­stal­tet wird, die auf irgend­ei­ne Wei­se glau­ben, sich das erlau­ben zu kön­nen. Das ist das, was die Destruk­ti­vi­tät in die­ser Gesell­schaft ist, das ist sie, seit der Mensch sess­haft ist. Ich weiß nicht, ob das noch gilt, aber ich glau­be mal gele­sen zu haben, dass, bevor der Mensch sess­haft wur­de, waren es eigent­lich Matri­ar­cha­te im mensch­li­chen Zusam­men­le­ben, die sehr gut funktionierten.

Die­se gan­zen destruk­ti­ven Kräf­te erschei­nen erst, wo die­se gan­zen Jäger und Samm­ler sess­haft wer­den und Wert­schöp­fung betrei­ben, mit Getrei­de­an­bau und Vieh­zucht und es dann eine ande­re Grup­pe gibt, die die­se Men­schen bejagt und ihnen das wegnimmt.

Kunst und Menschlichkeit

HHF: Ist die Kunst die Ret­tung dar­aus? Also doch Eskapismus?

Michy Rein­cke: Die Welt, in der ich mich wohl­füh­le, ist die Welt von Künst­lern, die ihre Kunst nicht als Pose betrach­ten. Auch von Reli­gi­ons­stif­tern, die das nicht im ihrer selbst wil­len getan haben, son­dern die ver­sucht haben zu wer­ben für das, was im Men­schen auch ange­legt ist: Die­se gro­ße Soli­da­ri­tät, so eine Barm­her­zig­keit, sei­ne Mög­lich­keit, sich selbst bewusst zu werden.

Sich dar­über aus­zu­tau­schen, was den Men­schen zum Men­schen macht und was ihn dar­an hin­dert, zum Men­schen zu wer­den. Dass er nicht zu sei­nem Wolf wird, wie es der eng­li­sche Phi­lo­soph Tho­mas Hob­bes gesagt hat. Das taucht bei den Römern zuerst auf, »memen­to mori«, das ist die Hybris der Impe­ra­to­ren und der Men­schen, die das damals domi­niert haben. »Erin­ne­re dich dar­an, dass du jetzt gera­de dabei bist und dass du ster­ben wirst«

Du kommst nicht davon, du kannst Men­schen unter­drü­cken, du kannst sie aus­blu­ten las­sen, du kannst Geld zäh­len, du kannst Leu­te ver­ar­schen, aber du wirst ster­ben. Was bedeu­tet es dann für dich? Was bedeu­tet es dann in dem Moment, wo dein letz­ter Ein­druck ist, zu sagen, ich war der bes­te dar­in, Men­schen zu ver­ar­schen? Der grie­chi­sche Held ist der, der beson­ders gut Men­schen ermor­den und Unge­rech­tig­kei­ten bege­hen kann, die­se Idee und Inter­pre­ta­ti­on von Erfolg ist bis heu­te gültig.

HHF: Aber der Held lei­det auch dar­un­ter, da ist ja in der grie­chi­schen Tra­gö­die genau das, was deut­lich gemacht wer­den soll. Medea frisst ihre eige­nen Kin­der, alle sind sie »gewor­fen« und ent­spre­chend gezeich­net. Wür­dest du sagen, du bist im wei­tes­ten Sin­ne religiös?

Michy Rein­cke: Das glau­be ich nicht, aber ich glau­be, wie ich bereits ange­deu­tet habe, dass wir vor 20, 30, 40.000 Jah­ren gemein­sam am Lager­feu­er gehockt haben, viel­leicht gab es schon Spra­che, jemand hat was erzählt und wenn nicht, gab´s irgend­wel­che Ritua­le. Man hat irgend­was gemacht mit den Kno­chen von Tie­ren, hat irgend­was gebaut und gebas­telt und an die Wän­de gemalt. Viel­leicht ist das auch Schu­le, etwas, um den Kin­dern zu sagen, wenn der Win­ter vor­bei ist: Dann jagen wir die­se Tie­re und wir machen das fol­gen­der­ma­ßen, die bewe­gen sich so und das sind unse­re Spee­re, kei­ne Ahnung.

Kul­tur ist für mich abso­lut unent­wirr­bar ver­knüpft mit Spi­ri­tua­li­tät. Ich bin jetzt kein Fan eines »Ver­eins« wie der Kir­che und ich bin auch nicht über­zeugt davon (lacht). Aber es gibt bei Dos­to­jew­ski, in den Brü­dern Kara­ma­sow, die­se Geschich­te vom Groß­in­qui­si­tor, die der eine Bru­der geschrie­ben hat. Eine Geschich­te im 16. Jahr­hun­dert, Jesus taucht wie­der auf, in Cor­do­ba. Jesus sagt gar nichts, aber der Groß­in­qui­si­tor hält einen Mono­log, war­um es nicht geht, war­um das so, wie es jetzt orga­ni­siert ist, mit der Kir­che, schon der rich­ti­ge Weg ist (lacht). Die ande­ren wür­den sowie­so nicht ver­ste­hen, was mit die­ser Ethik gemeint sei, und so wie sie das machen, haben sie das alle im Griff und so läuft’s auch.

Da ist Dos­to­jew­ski eben sehr deut­lich, wo die Schwie­rig­keit liegt, Spi­ri­tua­li­tät zu einem Dog­ma zu machen. Eine spi­ri­tu­el­le Idee zu einem Dog­ma zu machen, gelingt nicht mal rich­tig im Bud­dhis­mus oder im Hin­du­is­mus, da gibt’s halt nur Ansätze.

HHF: Mir ist auf­ge­fal­len und da sind wir wie­der bei schon erwähn­ten Befrei­ungs­the­ma – was immer wie­der in dei­nen Tex­ten vor­kommt, ist die Tanz­me­ta­pher. Das ist einer­seits natür­lich etwas sehr Musi­ka­li­sches, aber es gibt so etwas wie »wir zer­tan­zen die Fun­da­men­te« in die­sem Album.

Michy Rein­cke: Ja die­se Meta­pher, es gibt ein Zitat von Dylan, wie sehen sie sich sel­ber, ja als Sing- and Dance­man. Das ist im Grun­de genom­men das Bild, sin­gend und tan­zend durchs Leben zu gehen.

Im Inners­ten mei­nes Wesens glau­be ich dar­an. Ich habe mei­nen Zivil­dienst in einer Alten­wohn­an­la­ge gemacht und ich habe alte Men­schen ster­ben sehen als 19-Jäh­ri­ger. Was die Quint­essenz eines Lebens ist – da bin ich dort zum ers­ten Mal mit die­ser Fra­ge in Kon­takt gekom­men. Es gibt unter­schied­li­che Arten, sein Leben zu beschlie­ßen. Das ist tat­säch­lich so bis zu dem Augen­blick, wo jemand sagt, so Frau Mei­er, noch drei Wochen, tut uns leid, das ist der Krebs, es geht immer wei­ter. In dem Moment sitzt die drau­ßen auf dem Stuhl und guckt sich die Wol­ken an und hört den Vögeln zu und nimmt eigent­lich wahr, wor­um es essen­ti­ell und sub­stan­ti­ell geht. In »Sign O The Times« heißt es: »Man aint hap­py tru­ly unless man true­ly dies«.

Und selbst wenn ihr Mann Lei­ter eines gro­ßen Wirt­schafts­un­ter­neh­mens gewe­sen wäre und ihr Leben stän­dig im Ver­gleich und im Wett­be­werb und unter Kon­kur­renz­druck gewe­sen ist: In dem Moment wo sie weiß, dass sie ster­ben muss, weiß sie, das alles ande­re fau­ler Zau­ber und dum­mes Zeug ist. Das ist das, wor­auf ich in jeder drit­ten, vier­ten Zei­le mei­ner Arbeit immer wie­der ger­ne hinweise.

HHF: Das ist ja in gewis­sen Sin­ne eine baro­cke Lebens­ein­stel­lung, es erin­nert viel­leicht an Andre­as Gry­phi­us, wo Men­schen unter dem Ein­druck, was vor­her war, kurz nach dem Ende des drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges, ein sehr star­kes End­lich­keits­be­wusst­sein hat­ten. Alles ver­gäng­lich, alles eitel – woher kommt, außer aus der Indi­vi­du­al­erfah­rung, die­se star­ke Kon­zen­tra­ti­on auf die Augenblickswahrnehmung?

Michy Rein­cke: Ich hab einen sehr inter­es­san­ten Kon­fir­ma­ti­ons­un­ter­richt in den frü­hen 70ern genos­sen. Da hat uns unser Pas­tor Dorn, von der Wands­be­ker Chris­tus­kir­che, bei unse­ren Frei­zei­ten, am Schaal­see, in Gar­tow, so hek­to­gra­phier­te Zet­tel gege­ben das stan­den, so wie bei Bob Dylan (lacht), irgend­wel­che Fra­gen drauf.

Die­se Aus­ein­an­der­set­zung in frü­hes­ter Jugend mit die­sen sub­stan­ti­el­len Fra­gen, das kann natür­lich auch zur Pose wer­den, und das kann natür­lich auch eine Eitel­keit sein, man wird aber immer wie­der dar­auf zurück­ge­wor­fen. Mei­ne Mut­ter ist sehr jung ver­stor­ben, die war 17/​18, als ich zur Welt kam und ist mit 48 gestor­ben, mein Vater ist auch nur Anfang 60 gewor­den, das waren immer Abschnit­te in mei­nem Leben, wo ich sel­ber Schwie­rig­kei­ten hat­te, mich sel­ber exis­ten­ti­ell auf irgend­was zu konzentrieren.

Wie kom­me ich jetzt wei­ter durch, was kann ich machen? Reicht das? Mir ging es auf­rich­tig nie dar­um, reich und berühmt zu wer­den – es ging wirk­lich immer dar­um, Freu­de an den Sachen zu haben, die man tut. Natür­lich auch dar­um, Unge­rech­tig­kei­ten zu benennen.

Ich mach das nicht, damit ich irgend­wie ’nen roten Flit­zer fah­ren oder mir einen Swim­ming­pool in mei­nen Vor­gar­ten bau­en kann. Ich mache das, weil ich tat­säch­lich auch eine Ver­ant­wor­tung spü­re, für mich sel­ber, für mein Umfeld, Situa­tio­nen oder Vor­aus­set­zun­gen zu schaf­fen, wo man ein glück­li­ches, selbst­be­stimm­tes, eini­ger­ma­ßen unab­hän­gi­ges Leben füh­ren kann. Das wün­sche ich mir eben auch für mei­ne Freunde.

Zum Bei­spiel ist die­se Ver­ant­wor­tung für die regio­na­le Musik­sze­ne in der Han­se­stadt und in Nord­deutsch­land, da sind das die grund­vor­rau­set­zen­den Impul­se, die mich das haben machen las­sen. Ich wün­sche mir, dass in dem Moment, in dem ich ster­ben wer­de, Frie­den in die­se gro­ße Balan­ce mei­ner Gedan­ken ein­kehrt und mich nicht sprach­los zurück lässt. »Hät­te ich das gewusst, hät­te ich es ein biss­chen anders gemacht«

Das geht vom Tod mei­ner Mut­ter aus, wo ich sehr inten­siv spür­te, die war gar nicht so sehr scho­ckiert dar­über, dass sie ster­ben muss­te, son­dern dass das alles gewe­sen sein soll. Der Schmerz setzt sich dadurch zusam­men, zu erken­nen, die wich­ti­gen Sachen habe ich nicht gemacht und ich bin mir des­sen bewusst – ich hab die Din­ge nicht erkannt. Da kann Spi­ri­tua­li­tät in jeder Form, natür­lich auch in den kon­ven­tio­nel­len For­men, hilf­reich sein. Es kann aber auch Mög­lich­keit sein, sein Leben in mög­lichst vie­len Momen­ten krea­tiv zu verbringen.

Die Grund­vor­aus­set­zung für alles wird immer die Lie­be sein, die Lie­be zu sei­nem eige­nen Leben, die Lie­be zu den Men­schen, die einen beglei­ten, und die Lie­be zu den Din­gen. Und des­halb ist das so.

HHF: Das ist ja ein bei­na­he neu­tes­ta­men­ta­ri­scher Ansatz?

Michy Rein­cke: Es hat nichts mit der Kir­che zu tun, und da ist Dos­to­jewk­si für mich auch wirk­lich ein gro­ßes Vor­bild, der auch sagt, Jesus Chris­tus bleibt trotz­dem, trotz all die­ses Idio­ten­tums, ist er der Bes­te. Lass ihn nicht übers Was­ser gegan­gen sein, lass ihn nicht auf­er­stan­den sein, er ist trotz­dem einer bes­ten von uns.

HHF: Ein schö­nes Schluss­wort. Vie­len Dank für die­ses Gespräch.

Wir dan­ken den Ham­bur­ger Muse­um für Völ­ker­kun­de für die bereit­wil­li­ge Unter­stüt­zung bei der Orts­wahl für die­ses Interview.

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